>> Der Australian Shepherd <<
Der Australian Shepherd – Hansdampf in allen Gassen
von Mirjam und Maarten Walter, Rundschreiben der Arbeitsgemeinschaft Border Collie e.V., Ausgabe 2/2003

Es gibt nur wenig, das man mit Gewissheit über die Entstehung der meisten Hunderassen weiss. Bezüglich des Australian Shepherds haben sich verschiedene Theorien manifestiert:

  • - dass er ursprünglich aus Australien stammt (wie der Name vermuten lässt);
  • - dass er aus dem baskischen Teil Europas stammt;
  • - oder dass er von spanischen Siedlern in die USA gebracht wurde.

Nachforschungen lassen vermuten, dass nicht nur eine Theorie die Antwort nach dem Ursprung des Australian Shepherds gibt, aber alle zusammen zeichnen ein recht genaues Bild seiner Abstammung.

Die Geschichte Kaliforniens, die oft als „Wiege“ des Australian Shepherds bezeichnet wird, zeigt, dass die Anzahl der Schafherden in den spanischen Missionen um 1840 abnahm. Der Goldrausch und der amerikanische Bürgerkrieg steigerten die Nachfrage nach Schaffleisch und Wolle wieder, so dass grosse Herden aus dem mittleren Westen und von der mexikanischen Grenze an die Pazifikküste getrieben wurden. Aus dem Osten des Landes und aus Australien kamen Schafe. Die Hunde, die diese Herden begleiteten, legten den Grundstein für die spätere Rasse des Australian Shepherds.

Die Hunde, die mit den Herden aus dem Mittleren Westen und aus dem Osten der USA kamen, waren oft vom althergebrachten Collietyp, die oft lediglich „Schäferhunde“ (Shepherds) genannt wurden. Sie kamen mit den Siedlern von den Britischen Inseln nach Amerika, Hunde, die vielseitig einsetzbar waren, aufrechter arbeiteten und weniger Auge beim Hüten zeigten als ein späterer Nachfahre, der Border Collie. Der Langhaarcollie und der Border Collie in ihrer heutigen Form begannen sich im späten 19. Jahrhundert zu entwickeln, der Langhaarcollie beeinflußt von den äußeren Attributen des Ausstellungswesens, der Border Collie von Hütewettbewerben.

Als sich die modernen Formen des Langhaarcollies und des Border Collies entwickelten, wurden sie natürlich nach wie vor nach Amerika importiert. Weiterhin wurden Hüthunde vom alten Collie/Shepherd-Schlag auf amerikanischen Farmen und Ranches gezüchtet, im Mittleren Westen und im Osten der USA oft unter der Bezeichnung „English Shepherd“, manchmal auch „American Shepherd“. Im Westen wurden ähnliche Hunde „Australian Shepherds“ genannt. Unterschiede ergaben sich regional als sich die verschiedenen Schläge weiterentwickelten, aber Gemeinsamkeiten blieben. Angeborene Stummelruten kommen beim English Shepherd vor und waren nicht ungewöhnlich in den frühen Lang- und Kurzhaar „Show“Collies. Während es normal wurde, den Australian Shepherd zu kupieren, sind beim English Shepherd lange und kurze Ruten erlaubt. Haarkleid und Körperbau sind beim English und Australian Shepherd ähnlich, beide gehen auf die alten Colliefarben zurück, tricolor, schwarz mit braunen Abzeichen und schwarz mit weissen Abzeichen. Sable, welches beim English Shepherd als Farbe anerkannt ist, ist beim Australian Shepherd ausgeschlossen (aber es kommt noch vor), und umgekehrt verbietet der Standard für den English Shepherd alle merle Farben. Beim Border Collie auf der anderen Seite sind noch alle Urprungscolliefarben erlaubt, am weitesten verbreitet ist natürlich der schwarz-weisse Border Collie, aber es gibt ihn auch in tricolor, schwarz mit braun, rot, red merle, blue merle, blau/grau und sable.

Die Hunde, die mit den grossen Herden von Australien nach Kalifornien kamen, waren verschiedener Herkunft, wie auch die Siedler selbst. Diese Arbeitshunde sollen auf den kurzschwänzigen Smithfieldhund oder den merlefarbigen „German Collie“ zurückgehen, der im Aussehen dem Australian Shepherd ähnelte. Der German Collie war in Australien seit längerem bekannt, wurde aber nicht vom dort ansässigen Zuchtverein anerkannt. Der ungewöhnliche Name rührt von seiner starken Popularität in den deutschen Kolonien in Australien, woher seine Abstammung von deutschen „Tigern“ sehr wahrscheinlich ist. Ein Grossteil der Merinoschafe kam damals aus Sachsen, denn obwohl Merinoschafe spanischen Ursprungs sind, war das Königreich Sachsen zu dieser Zeit grösster Lieferant dieser Rasse.

Der lang gepflegte Glaube, der Australian Shepherd wäre auch baskischen Ursprungs, läßt sich nicht mit der Geschichte der Basken in Amerika erklären. Denn obwohl es baskische Einwanderer gab, brachten diese nur selten Hunde mit, denn ihr Hauptziel war der Goldrausch in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Den größten Einfluss hatten die Basken auf die Entwicklung des Australian Shepherds bei der Reinzucht dieser Rasse im amerikanischen Westen, wo sie sich als Schäfer niederliessen und in der Schafzucht tätig wurden. Dies schließt den Einfluss von Hunderassen wie des Pyrenäenschäferhundes auf das Erbmaterial des Australian Shepherds nicht aus, viele behaupten gar, es sei die Rasse, die den angeborenen Stummelschwanz in den Australian Shepherd einbrachte, obwohl auch viele Tiger dieses Merkmal aufweisen.

Das allgemeine Erscheinungsbild des Australian Shepherds und Daten aus historischen Aufzeichnungen lassen darauf schliessen, dass der Australian Shepherd vom Collie/Schäferhundtyp der britischen Inseln abstammt, mit möglichem baskischen/ deutschen Einfluss. Der Australian Shepherd ist nicht wirklich eine australische Hunderasse, obwohl die Verbindung mit Australien sehr wahrscheinlich bei seiner Namensgebung eine Rolle spielte. Er ist keine spanische, baskische oder britische Hütehundrasse, sondern vielmehr eine amerikanische; sie entwickelte sich über eine sehr lange Zeitperiode im amerikanischen Westen, und hier hauptsächlich in Kalifornien. (Dennoch gibt die Tatsache, dass Australien Shepherd, German Koolie, Altdeutscher Tiger und merlefarbene Berger Pyrénées Face Rase nicht nur ähnlich aussehen, sondern auch im Arbeitsstil und im Charakter einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Grund zu der Annahme, dass diese Rassen verwandt sind und gerade der Australische Collie Club unternimmt derzeit alle Anstrengungen, Abstammungen zu klären und „Ahnenforschung“ zu betreiben. Anmerkung D. Roth)

Was unterscheidet den Aussie nun in seiner Arbeitsweise vom Border Collie? Im Gegensatz zum Border Collie arbeitet der Australian Shepherd enger an der Herde, zeigt nicht oder nur mässig den Einsatz des „Auges“ (Anstarren der Herde und Fixieren), und setzt mehr die Stimme und die Zähne ein. Ein Australian Shepherd kann einen Bisonbullen überzeugen, die Richtung zu wechseln, wenn es sein muss. Grosse Herden von Rindern machen ihm nichts aus, und bei der Arbeit in den Pferchen kommt der unerschrockene und ausdauernde Aussie richtig zur Geltung. Oftmals sieht man an amerikanischen Rodeoveranstaltungen Wettbewerbe im Teamcutting, wobei ein Pferd/Reiterteam durch einen Aussie ersetzt wurde. Aussies sind hervorragende und selbständige Arbeiter, die jedoch unbedingt eine Bezugsperson während der Arbeit brauchen, sie sind seltener als der Border Collie dazu geneigt, nur für sich allein zu arbeiten.

Allerdings muss man einem Australian Shepherd in der Regel erst beibringen, was sein Instinkt ihm zu sagen versucht. Ein grosser Australian Shepherdzüchter sagte einmal auf einem Hütwettbewerb zu einer völlig frustrierten Neuanfängerin mit ihrem Aussie, der alles in der Arena hatte falsch gemacht was man nur falsch machen konnte: „Willst Du mit Deinem Hund gut aussehen und hast Du keine Ahnung, kauf Dir einen Border Collie!“

Der Australian Shepherd wird heute noch in Teilen der USA als Ranchhund für die Arbeit an Rindern gezüchtet. Vielerorts erfreut sich dieser ansprechende Hund dank seines auffälligen Äusseren und seiner hohen Intelligenz allerdings bereits mehr und mehr als Familienhund grösster Beliebtheit, eine Entwicklung, die nicht von jedermann gern gesehen wird. Aussies werden heutzutage besonders in Europa bei Hundesportlern geschätzt, die sie im Agility, bei Breitensportwettbewerben oder auch im Schutzdienst führen.

In Deutschland gibt es nur wenige, die sich der Erhaltung des Australian Shepherds als Hütehund verschrieben haben. Zu weit weg ist Amerika und der 1977 gegründete Australian Shepherd Club of America (ASCA), der mit eigenen Programmen den Aussie als Hütehund fördert und pflegt. Ein ASCA Working Trial Champion (WTCH) hat sich in der höchsten Klasse wiederholt an sowohl Enten, Schafen als auch Rindern bewiesen und darf zu Recht diesen Titel tragen.

Ein neugegründeter Klub (die AGHAS, www.lz-westerntraining.de), der im Jahr 2002 entstanden ist, möchte mit dem Angebot von Seminaren und Hütewettbewerben das Interesse der Aussiebesitzer in Europa am ursprünglichen Verwendungszweck ihres Hundes wieder wecken. Für den Sommer 2003 sind mehrere Seminare mit amerikanischen Trainern und ASCA Hütetrials geplant, die rasseoffen für alle Hütehundrassen und deren Mischlinge sind.

Der Western Europe Working Australian Shepherd Club (WEWASC) kann per Email über den Präsidenten oder die Homepage kontaktiert werden (dagmar.lindemann@gmx.de oder www.wewasc.com).

Mirjam Mallwitz und Maarten Walter.
(überarbeitet von Doris Roth, die Red.)